Die Zahlen sprechen eigentlich für sich: Alessandro Scarlatti (1660–1725) komponierte über 780 Kammerkantaten, von denen nur ein verschwindend geringer Bruchteil in modernen Ausgaben zugänglich oder gar auf Tonträgern veröffentlicht ist. Hochgerechnet auf andere, weniger namhafte Zeitgenossen, ergibt sich hier ein gigantisches Repertoire für solistische Stimme und instrumentale Begleitung—häufig nur in Gestalt eines Basso continuo—, das bislang so gut wie überhaupt nicht musikalisch erschlossen ist. Wie schade dies im Grunde ist, macht die vorliegende Produktion von Naxos deutlich, indem sie fünf entsprechende Kompositionen Scarlattis—nämlich die Kantaten ‘Io son pur solo’, ‘Il Rossignuolo’, ‘Sento nel core’, ‘Io morirei contento’ und ‘Lascia, deh, lascia’—aus ihrem archivalischen Schlaf heraus als „Weltersteinspielung“ ans Licht der Öffentlichkeit befördert.
Überraschend ist nicht, dass dies überhaupt geschieht (denn man ist ja von Naxos allerhand Verstöße in musikalische Nischen gewohnt), sondern die Art, wie man dabei vorgeht: Das Booklet glänzt durch eine exzellente Qualität, da es diesmal nicht nur die Libretti sämtlicher Kompositionen (in vier Sprachen), sondern auch einen kompetenten achtseitigen Essay (aus der Feder von José María Domínguez) enthält, die in die historische Situation, die musikalischen Kennzeichen der Kantaten und die Details von Scarlattis kompositorischem Umgang mit den Texten einführt (zusätzlich garniert mit einer Notentext-Abbildung). Insofern ist die Produktion sehr gut dazu geeignet, um sich überhaupt einmal mit dieser wunderbaren Musik vertraut zu machen und ihre Besonderheiten kennen zu lernen.
Was die Verbreitung mancher Kantaten heute gleichfalls verhindern mag, sind ihre außergewöhnlichen technischen Schwierigkeiten, die daraus resultieren, dass viele der Werke für Kastraten komponiert wurden und damit der physischen Konstitution eines Sängertyps entsprechen, den es nicht mehr gibt. Die Sopranistin Sosanna Crespo Held gibt sich viel Mühe, um den Problemen der eingespielten Kompositionen gerecht zu werden. Ihre Stimme ist agil und klar, tastet das Passagenwerk, aber auch den Affektreichtum der Kantaten nach Möglichkeiten zu facettenreicher Klangfarbengebung ab und schafft es dadurch, jedem Werk eine ganz eigene Atmosphäre zu verleihen. Manchmal allerdings gelangt die Interpretin dabei an den Rand ihres Vermögens: Weite Registersprünge oder direkt angegangene hohe Töne muten gelegentlich brüchig an (so im Recitativo ‘Ma sia quanto si volia’ aus ‘Io Morirei contento’) und die stimmliche Anstrengung wirkt sich bisweilen (etwa in Recitativo und Aria ‘Cari silenzi’ – ‘Di cupido’ aus ‘Io son pur solo’) negativ auf die Intonation aus.
Das Ensemble Musica Poëtica mit Gianluca Capuano (Cembalo), Marco Testori (Barockcello) und Rosario Conte (Theorbe) holt mit nur drei Instrumenten aus den Basso-continuo-Parts der Werke ein Maximum an Abwechslungsreichtum heraus. Besonders in Rezitativen und ruhigen Werkteilen laufen die Musiker dabei zu Höchstform auf, während die Ausführung in raschen Sätzen trotz des generell klaren Klangs der CD manchmal etwas verschwommen wirkt (beispielsweise beim Zusammenwirken von Cembalo und Violoncello in der Aria ‘S’ogni fiamma spargesse faville’ aus ‘Io morirei contento’). Dies mag daran liegen, dass die klangliche Balance an solchen Stellen nicht ideal gelöst ist, weil die Stimme dominiert und man als Hörer gar den Bezug zwischen Oberstimmenmelodik und grundierendem Basso continuo zu verlieren droht. Dies ändert aber nichts daran, dass es sich hier um eine wertvolle Veröffentlichung handelt, die jedem Freund barocker Vokalmusik empfohlen sei.